Haithabu – Die Wikinger-Siedlung

 

Die Wikinger-​Siedlung Haithabu

Haithabu war vom 9. bis 11. Jahrhundert ein Siedlungsplatz der Wikinger und ei­nes der be­deu­tends­ten wirt­schaft­li­chen, po­li­ti­schen und ge­sell­schaft­li­chen Zentren des Nordens. Nach da­ma­li­gen Maßstäben konnte Haithabu als Weltstadt des Mittelalters be­zeich­net wer­den. Es war Hauptumschlagsplatz für den Handel zwi­schen Skandinavien, dem Nordseeraum und dem Baltikum. Im Jahre 1066, das Jahr, in dem auch die Wikinger-​Zeit en­dete, wurde Haithabu bei ei­nem Brand zer­stört und nicht wie­der auf­ge­baut. Die in Vergessenheit ge­ra­tene Siedlung wurde erst 1897 wiederentdeckt.

Haithabu war von ei­nem noch gut er­hal­te­nen Ringwall von etwa 600 m Durchmesser um­ge­ben und lag süd­lich der Stadt Schleswig am Haddebyer Noor zwi­schen Nordsee und Ostsee. In der Nähe be­fin­den sich das Danewerk, wel­ches Haithabu zu­sätz­lich schützte, so­wie der his­to­ri­sche Heer- bzw. Ochsenweg. Heute heißt das Gelände um Haithabu Haddeby und ge­hört zur Gemeinde Busdorf im Kreis Schleswig-​Flensburg. Das Gelände in­ner­halb des 1,3 km lan­gen und bis zu 10 m ho­hen Walls ist etwa 26 Hektar groß.

Lange Zeit war die Namensgebung un­klar. Haethum in an­gel­säch­si­schen Quellen vom Ende des 9. Jahrhunderts und Haithabu auf Runensteinen aus dem 10. Jahrhundert ei­ner­seits, Sliesthorp in den Fränkischen Reichsannalen aus dem zei­ti­gen 9. Jahrhundert und Sliasvich bei Rimbart in der Mitte des glei­chen Jahrhunderts an­de­rer­seits führ­ten zur Verwirrung und der Frage, ob mög­li­cher­weise zwei Siedlungen be­stan­den ha­ben kön­nen – das heu­tige Schleswig zu­sätz­lich zu Haithabu.

Bodenfunde lie­ßen diese Möglichkeit wie­der ver­wer­fen, die Umsiedlung er­folgte wahr­schein­lich in der Mitte des 11. Jahrhunderts. Viel wahr­schein­li­cher ist, dass ver­schie­dene Namen auf­grund der ver­schie­de­nen Bevölkerungsstämme be­nutzt und diese im Laufe der Jahrhunderte, als die Siedlung in­ner­halb des Halbkreiswalls be­stan­den hatte, an­ge­passt wor­den wa­ren. Dabei geht der Name Haithabu ver­mut­lich auf die Dänen, der Name Sliasvich auf die Sachsen zu­rück. Die Siedlung am Nordufer der Schlei wurde nach der Aufgabe von Haithabu letzt­end­lich Schleswig genannt.

 

Haithabus Geschichte

Mit der Völkerwanderung rück­ten Dänen und Jütländer in der ers­ten Hälfte des 8. Jahrhunderts in das bis dato dünn be­sie­delte Land um Schlei und Eckernförder Bucht vor. Haithabu wurde spä­tes­tens um das Jahr 770 süd­lich des heu­ti­gen Walls ge­grün­det und hält da­mit den Status inne, äl­teste Stadt auf – ehe­ma­li­gem – dä­ni­schen Gebiet zu sein. Im 9. Jahrhundert ent­stan­den zwei wei­tere Siedlungen, eine da­von nörd­lich des Walls und eine zwi­schen den bei­den am Haithabu-​Bach. Gegen Ende des 9. Jahrhunderts wur­den der nörd­li­che und süd­li­che Teil be­reits wie­der auf­ge­ge­ben. Die mitt­lere Siedlung wurde wei­ter ge­nutzt und in der zwei­ten Hälfte des 10. Jahrhunderts durch ei­nen Halbkreiswall in die Verteidigungs- und Grenzanlage Danewerk eingebunden.

Haithabu avan­cierte als Hafenstadt zum be­deu­tends­ten Handelszentrum der Dänen. Dazu tru­gen Handelsbeziehungen mit Nord- und Westeuropa, dem Baltikum und der süd­li­chen Ostseeküste bei. Auch wur­den mit der spä­ter un­ter­ge­gan­ge­nen Stadt Vineta so­wie mit Ralswiek Handelsbeziehungen ge­pflegt. Weiterhin dien­ten die Zerstörung des kon­kur­rie­ren­den sla­wi­schen, spä­ter eben­falls un­ter­ge­gan­ge­nen und sa­gen­um­wor­be­nen Handelsortes Reric im Jahr 808 und die Zwangsumsiedlung der Rericer Kaufleute nach Haithabu des­sen Aufstieg. Im 10. Jahrhundert er­reichte Haithabu, die Wikinger-​Metropole, seine Blütezeit und zählte min­des­tens 1.500 Einwohner.

Der dä­ni­sche König Gudfred re­gierte von 804 bis zu sei­ner Ermordung 810 von Haithabu aus. Er gilt als Begründer von Schleswig, das 804 erst­mals als “Sliasthorp” er­wähnt wurde, und ließ zur Sicherung von Haithabu das Danewerk um den Kograben er­wei­tern. 810 soll un­ter Karl dem Großen eine Grenzmark des Fränkischen Reichs ge­gen die Dänen er­rich­tet wor­den sein, die Dänische Mark bzw. Mark Schleswig, die sich nörd­lich der Eider bis zum Danewerk so­wie zwi­schen Husum und Schleswig erstreckte.

Sie könnte aber auch erst ent­stan­den sein, als König Heinrich I. 934 in der “Schlacht von Haithabu” die Dänen be­siegte und die Stadt er­oberte. Bis da­hin hatte König Chnuba, der aus ei­ner schwe­di­schen Dynastie stammte, über die Stadt Haithabu geherrscht.

Heinrich I. be­zog als neuer Markgraf Residenz in Haithabu. Damit fiel das Gebiet für etwa ein Jahrhundert an das Heilige Römische Reich. Als Verbindung des Fränkischen Reichs mit Skandinavien in der Süd-​Nord-​Ausdehnung so­wie zwi­schen der Nordsee und Ostsee in der West-​Ost-​Ausbreitung stieg es so zum zen­tra­len Warenumschlagplatz auf.

Bereits um 850 war in Haithabu die erste christ­li­che Kirche er­rich­tet wor­den, ver­mut­lich un­ter Erzbischof Ansgar von Hamburg. Obwohl die­ser Bau ur­kund­lich be­legt ist, konnte er bis­lang ar­chäo­lo­gisch bis auf eine aus dem 10. Jahrhundert stam­mende, 1978 ge­bor­gene Bronzeglocke noch nicht nach­ge­wie­sen wer­den. Nachdem Kaiser Otto Haithabu be­sucht hatte, wurde die Stadt 948 Bischofssitz. Im glei­chen Jahr hatte der dä­ni­sche König Harald Blauzahn die Hoheit des Kaiserreiches an­er­kannt. 983 er­oberte er Haithabu von den Franken zu­rück, auch wenn die Stadt noch um das Jahr 1000 zum Machtbereich des deut­schen Kaisers zählte.

Im Jahr 1050 wurde die Handelsstadt in ei­ner Schlacht zwi­schen Harald Hardrada von Norwegen und Sweyn II. zer­stört. Der neun Meter hohe Wall mit zu­sätz­li­cher Palisade hielt den Kämpfen nicht statt. Der Wiederaufbau er­folgte nur teil­weise. Die Westslawen plün­der­ten und zer­stör­ten die Stadt 1066. Daraufhin ver­leg­ten die Einwohner ihre Siedlung auf das an­dere Ufer der Schlei nach Schleswig, das Haithabus Erbe über­nahm. Vermutlich war auch der Hafen mitt­ler­weile zu klein für die im­mer grö­ße­ren Handelsschiffe geworden.

Haithabu wurde nicht wie­der auf­ge­baut und ging verloren.

 

wei­ter­le­sen: Siedlung und Handelsschauplatz